Herr der Lüfte

Sultan Adler

Ausstellungseröffnung 18. Oktober 2020, 14 h

Dauer der Ausstellung 18.10.-15.11.2020

 

 

Das Rosenhang Museum zeigt eine neue Bildserie der zurzeit in Istanbul arbeitenden Künstlerin Sultan Adler.

In Ihrem künstlerischen Werk stellt der Adler eines von mehreren wiederkehrenden Motiven dar. Für einen starken künstlerischen Charakter ist es typisch, sich bedeutende, traditionsreiche und symbolisch hoch aufgeladene Motive auszuwählen. Ganz gleich, ob es sich um den Weißkopfseeadler oder den Steinadler handelt – Bevorzugungen hängen vom regionalen Habitat des majestätischen Vogels ab – alle Mitglieder der ”Aquila”-Familie haben ähnliche Eigenschaften und werden auch entsprechend wahrgenommen.

In ihrem neusten Bildzyklus reist und kreist der Adler durch ein Tulpenfeld, in dem sich die Blüten der prächtigen Blumen entgegen Ihrem eigentlichen Wesen nach unten der Erde zuwenden. Die umgekehrte Tulpe, eine endemische Pflanzenart der Anatolischen Geographie, spielt auch im Christentum eine wichtige Rolle. Von Ihr wird angenommen, dass sie dort erscheint, wo Marias Tränen fielen. Für die Gläubigen der christlichen Religion ist dies von besonderer Bedeutung. Im islamischen Glauben basiert einer Legende nach, die Form der umgekehrten Blüte aus der Geschichte von Ferhat und Şirin, deren Verbindung legendär ist. Eine sehr beliebte Blume, deren Hals nach unten gebogen und deren Farbe vornehmlich rot ist, symbolisiert Ihre tragische Liebe.

Für Sultan Adler, die diese neuen Bilder in schwierigen Pandemiezeiten gemalt hat, ist die Geschichte dieser Blumen besonders wichtig, weil die Blüten, auch wenn sich ihre Köpfe der Sonne entgegen nach unten neigen, in kräftigen Farben aufblühen und sich als Symbol der Liebe manifestieren.

Sultan Adler wurde 1975 in Bremen geboren, besuchte dort die Hochschule für Künste und studierte bei Rolf Thiele. Über ein Erasmus-Austauschprogramm an der Akademie der schönen Künste in Wien belegte sie dort die Klassen von Daniel Richter und Gunter Damisch. Danach absolvierte sie in Berlin an der Kunsthochschule Weißensee ihr Masterstudium. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Berlin und Istanbul.

Die nackte Gewalt

Sigurd Wendland

Ausstellungseröffnung 15. November 2020, 14 h

Dauer der Ausstellung 15.11.2020 – 17.01.2021

 

 

Am Anfang des Arbeitsprozesses von Sigurd Wendland  stehen Bildideen,  aus denen er seine komplexe, narrativ dichte Kunst entwickelt. In monumentalen Gruppenbildern von geradezu barocker Dynamik und Farbigkeit inszeniert er rätselhafte Szenarien: Im heftigen ineinander Verschränken und sogar Verbeißen der Protagonisten, die mal aggressiv, mal lustvoll nach einander greifen, gelingen ihm eindrucksvolle Darstellungen der Gewalt und Zärtlichkeit,  des gnadenlosen Kampfes und der liebevollen Hingabe. Oft zeigen die Gesichter  übersteigerten Ausdruck, theatralisch wie die Masken, die beispielsweise im „Karneval“ – Bild auftauchen. Trotz der körperlichen Nähe wirken die meist entblößten Akteure merkwürdig isoliert: Der Blickkontakt untereinander fehlt, ihre Augen sind entweder geschlossen oder auf den Bildbetrachter gerichtet. Wenn sie mit Arbeitsgeräten wie beispielsweise Motorsägen auf ihre Mitmenschen zugehen oder sich auf einem leeren Einkaufswagen bzw. vor geöffnetem Kühlschrank lieben, lässt sich erahnen,  welcher Natur die hier angedeuteten zwischenmenschlichen Beziehungen sind. Wendland spielt gern mit Symbolen, stellt  ungewöhnliche Zusammenhänge her.  Provokant verknüpft er Technisches und Profanes mit Spirituellem, vor allem mit sehr frei interpretierten Elementen der christlichen Ikonographie aus dem Passionskontext. Daher lässt Wendlands Kunst, trotz seiner entschieden modernen Behandlung der Bildthemen – etwa durch den bewussten Verzicht darauf, die Bilder „altmeisterlich“ bis ins letzte Detail fertig zu malen –  eine große Vertrautheit mit und Affinität zu Bildtraditionen weit zurück liegender künstlerischer Epochen erkennen. 

So könnten beispielsweise die betenden Hände in Bild „Ich, ich, ich“ und der Hase samt Rasenstück im Bild “Energie, Sprichworte“ als Anspielungen auf das Schaffen von Albrecht Dürer angesehen werden. Und wenn er „Wasser als Ware“  malt,  fließt es vom Himmel so segensreich auf die Menschen herunter, dass die –  christliche-  Interpretation als die Quelle des Lebens nahe zu liegen scheint. Eine Vorstellung, die ebenso an Christus erinnert wie die schwarz vermummte Muslima im Bildhintergrund, die mit ihren ausgestreckten Armen und Händen kreuzesgleich die ganze Bildbreite einnimmt.

All das sind aber nur Teilaspekte des Bildgeschehens. Der Künstler greift weiter aus: Es geht ihm auch um das Bloßstellen wirtschaftlicher Machtstrukturen und Vorgänge in der modernen Gesellschaft, die undurchsichtig aber brutal in das Leben jedes einzelnen hineinspielen. So thematisiert  er beispielsweise das Problem der Privatisierung von  Wasser und Strom. Im Gemälde „Wasser als Ware“  laben sich dürre und durstige Menschen. Ihre Gier nach dem Leben spendendem Element und das Glück, es zu spüren, finden ihre visuellen Entsprechungen in den beiden sich liebende Paaren am linken und rechten oberen  Bildrand. Doch die sich  hingebenden, mit ihren Armen liebevoll umfangenden Gestalten wirken alle mit ihren geschlossenen Augen und zurück gebogenen  Köpfen  allzu unvorsichtig und arglos, wie die potenziellen Opfer jener, die über das Lebensnotwendige gebieten. Bemerken sie nicht, wie bedrohlich der Wasserschlauch sie immer enger zusammenbindet und zusammenschnürt? Nur die zwei den Betrachter anblickende Frauen scheinen zu wissen oder zu erahnen, was hier tatsächlich vor sich geht: Die eine flehend aus einer seltsamen Tiefe zu uns aufschauende gänzlich Unbekleidete unten im Bild, die andere sich hinter Tschador  verbergend. Unheimlich wirkt sie mit ihren ausgreifenden Armen, diffus den Gekreuzigten ähnlich, aber auch wie ein schwarzer, Unheil verkündender Riesenvogel. Was wird sich hier bald ereignen?

Noch weitaus prekärer erscheint die Lage der Akteure im Bild „Energie, Sprichworte“.  Hier findet ein böses, lebensgefährliches Spiel zwischen Starkstromleitungen statt: Dem hilflosen, kleinkind-großen  Hasen wird der Fell über die Ohren gezogen. Von wem? Der nackte, sein Gesicht hinter dem Hasenkadaver verbergende Mann ist womöglich nur der Vollstrecker der Aggression.  Sie könnte von der Frau initiiert sein, die einen Schleiertanz vollführt und dabei die Gräueltat verdeckt. Will sie sich dadurch ihrer Verantwortung entziehen? Unten im Bild sind zwei junge Männer in einem noch unentschiedenen Kampf verwickelt, bei dem ein Kurzschluss durch das Zusammentreffen zweier Starkstromleitungen anscheinend entweder verhindert oder herbeigeführt werden soll. Auf dieser Bühne ist jeder unmittelbar durch eine falsche Bewegung, durch einen tödlichen Stromschlag bedroht. Sie scheinen es nicht zu wissen, nicht wissen zu wollen, warum sonst hielten sie ihre Augen so fest verschlossen? 

Wendland zeigt die Welt als eine Bühne, auf der leichtsinnige, vom wilden Lebenshunger getriebene Schauspieler agieren. Sie stürzen und Fallen, konsumieren sich gegenseitig und werden doch nicht satt, sie haben sich maskiert und sind doch schutzlos und nackt, bewaffnet und doch ausgeliefert: Ihrer Gier, ihrer Wut, ihrer Einsamkeit und ihrer verzweifelte Suche nach Nähe und Liebe. Er malt keine fertige Welt, lässt hier und da Skizzenhaftes stehen. Er scheint so den Betrachter dazu aufzufordern, sich aktiv an dem angefangenen Gedanken, dem dynamischen Prozess der Bildwerdung zu beteiligen. Und gleichzeitig uns daran zu erinnern, wie ungewiss, offen und prekär zwischenmenschliche Beziehungen heute sind.

(Text: Nina Sitz)