8. September – 31. Oktober 2017
Sonderausstellung MALSTRÖME

Cornelia Schleime, Helge Leiberg, Reinhard Stangl, Ralf Kerbach und Hans Scheib

© Cornelia Schleime (1953), Berlin
Wer aus mir trinkt, wird ein Reh
2009, Acryl, Asphaltlack, Schellack auf Leinwand

© Cornelia Schleime (1953), Berlin
Herzfieber
2007, Schellack, Asphaltlack, Acryl auf Leinwand

Eröffnung der Ausstellung am 8. September im Rosenhang Museum, Weilburg in Anwesenheit von Cornelia Schleime, Helge Leiberg, Reinhard Stangl, Ralf Kerbach, und Hans Scheib

1986 machte das Projekt MALSTROM, Bilder und Figuren 1982-1986 auf einen Schlag fünf aus der DDR emigrierte Künstler im Westen bekannt. Diese nach Westberlin übergesiedelten Künstler waren vom 13. Juni bis 27. Juni 1986 im Haus am Waldsee, West-Berlin sowie vom 11. Januar bis 8. Februar 1987 im Mannheimer Kunstverein mit ihrem Werk zu besichtigen und stellten radikale Gegenpositionen zum staatlich verordneten Sozialistischen Realismus dar. MALSTROM war keine klassische Künstlergruppe, sondern eine temporäre Ausstellungsgemeinschaft, die bewiesen hat, dass es auch in der damals noch existierenden DDR herausragende Strömungen gab, die sich um ein Kunstdiktat nicht scherte und dass es parallel zum neoexpressionistischen Aufbruch der westdeutschen „Jungen Wilden“ auch in der DDR Strömungen mit starkem Ich-Bezug und einer widerspenstigen Attitüde gegeben hat.

Interessanterweise bezogen sich die Künstler aus der DDR – wie auch die Künstler im Westen – auf den deutschen Expressionismus. Von den Nazis als „entartet“ beschimpft und aus den Museen entfernt bedeutete er für die Künstler der späten 70er und frühen 80er Jahre einen Neubeginn in der Malerei. Gleichzeitig stellte die Weiterentwicklung und Neuinterpretation expressiver Malerei mit gesellschaftspolitischem Hintergrund ein Wiederanknüpfen an eine durch Krieg und Faschismus verleumdete und teilweise verlorene Tradition dar. Der Aufbruch zu einer neuen Malerei, die sich von Zwängen, Malverboten und Konventionen im Osten wie im Westen befreite, fiel in Europa wie in den USA auf fruchtbaren Boden.

Die Künstler Cornelia Schleime, Helge Leiberg, Reinhard Stangl, Ralf Kerbach und Hans Scheib kannten sich vom Studium an der Kunsthochschule Dresden aus den 1970er Jahren und standen sich künstlerisch sehr nahe. Zwischen Ihnen existierten langjährige Verbindungen, die vielfach fruchtbare Kooperationen angestoßen haben, ohne dass sich der Einzelne als Teil einer Gruppe verstand. Ihr künstlerisches und politisches Koordinatensystem bildete die Grundlage dafür, dass sie Teil der so außerordentlich lebendigen, aber bis heute kaum bekannten Gegenkultur der DDR wurden. Der Kontakt zwischen ihnen brach nie ab, selbst als die Mauer noch stand und einige von ihnen im Osten, andere schon im Westen lebten.

Die Ausstellung Malströme im Rosenhang Museum in Weilburg stellt die Künstler mit bisher nicht oder selten gezeigten Frühwerken und überwiegend aktuellen Werken vor. Die starken individuellen Positionen kennzeichnen den Weg, den die Künstler in den letzten Jahrzehnten zurückgelegt haben. Die Wiederbegegnung nach 30 Jahren mag Überraschungen bergen, aber die individuellen und stark authentischen Positionen sind auch nach all den Jahren noch erkennbar geblieben.

5. Juni – 31. August 2017

Ahmet Güneştekin

Blue Legend

Ahmet Güneştekin
Troy (Troya), 2017
Patchwork, 160 x 200 cm

5. Juni – 31. August 2017

Huang He

Open Eyes. Close Eyes.

Huang He
Face-Orangutan (3), 2010
Öl auf Leinwand, 200 x 200 cm

5. Juni – 31. August 2017

Annette Merrild

Moments

Annette Merrild
Moments (1), 2017
Acryl, Öl, Lack auf Leinwand, 195 x 145 cm

5. Juni – 31. August 2017

Helge Leiberg

Codex

Helge Leiberg
Der Narr (Stolz), 2004
Acryl auf Leinwand, 200 x 300 cm

WEILBURGER BEGEGNUNG

Figur und Abstraktion im Dialog

Eröffnungsausstellung

© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

STEPHAN BALKENHOL

Stephan Balkenhol, 1957 in Fritzlar geboren, gilt als wegweisend in der zeitgenössisch figurativen Skulptur und ist einer der international renommiertesten Künstler Deutschlands. Bereits während seines Studiums an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg beginnt er, Skulpturen aus Holz zu erarbeiten und entwickelt seine eigene skulpturale Sprache.

Balkenhols Skulpturen, die er mit dem Beitel aus mächtigen Holzstämmen haut und farbig fasst, sind meist Einzelfiguren, doch gibt es auch Figurengruppen und als Relief gestaltete skulpturale Bilder und raumgreifende Installationen. Die dargestellten Männer und Frauen scheinen zunächst nichts von sich preisgeben oder erzählen zu wollen und auf den ersten Blick keine Emotionen zur Schau zu stellen. Dennoch oder gerade deshalb wird beim Betrachter der Wunsch hervorgerufen, mit der Figur in einen Dialog zu treten. Die vermeintlich neutrale Figur verleitet den Betrachter dazu, mit ihr zu kommunizieren und ihr einen Charakter zuordnen zu wollen, sie zu interpretieren und zu ihrer Seele vorzudringen. Durch die weitgehende Rücknahme einer psychologisierenden Dimension sind Balkenhols Figuren immer auch ein Spiegel, der die Gefühle, Wünsche und Hoffnungen des Betrachters reflektieren kann. Stephan Balkenhol zu seinen Arbeiten: „Meine Skulpturen erzählen keine Geschichten. In ihnen versteckt sich etwas Geheimnisvolles. Es ist nicht meine Aufgabe, es zu enthüllen, sondern die des Zuschauers, es zu entdecken.“

Charakteristisch an Balkenhols Arbeiten ist seine besondere Bearbeitung des Holzes. Die Arbeitsspuren des Beitels sind deutlich zu erkennen, doch trotz der manchmal fast rau und grob wirkenden Oberfläche erscheinen die Gesichter und Gliedmaßen gleichzeitig zart und fragil.

Parallel zu seinen Holzarbeiten entstehen seit 1992 Bronze-Arbeiten in kleiner Auflage, die einen bedeutenden Teil in seinem Oeuvre einnehmen. Über 40 figürliche Skulpturen, die ebenso wie die Holzarbeiten die für Balkenhol typische, von Arbeitspuren geprägte Oberfläche aufweisen, sind bisher entstanden.

Bekannt ist Balkenhol auch für seine großformatigen Außenskulpturen, die in vielen Städten an prominenten Plätzen zu bewundern sind. (Hierzu gehören z.B. die Giraffe vor dem Tierpark Hagenbeck in Hamburg, die „Bojenmänner“ auf der Alster und der Elbe, das Richard-Wagner-Denkmal in Leipzig oder der „Balanceakt“ (Mann auf der Mauer) an einer ehemaligen Verlaufsstelle der Mauer in Berlin).

Seit 1992 ist Stephan Balkenhol als Professor für Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe tätig. Seine zahlreichen Einzelausstellungen in bedeutenden Museen und Galerien, begleitet von umfangreichen Publikationen, belegen seine Position sowohl in institutioneller Hinsicht als auch auf dem Kunstmarkt als einer der international anerkanntesten und erfolgreichsten Bildhauer unserer Zeit.

GERHARD RICHTER

Gerhard Richter, 1932 in Dresden geboren, gilt seit Jahrzehnten als einer der wichtigsten Künstler der Welt. Seine Werke sind international in den bedeutendsten Museen vertreten und zahlreiche Publikationen und Ausstellungen dokumentieren schon zu Lebzeiten seine herausragende Bedeutung.

Gerhard Richter studierte von 1952 bis 1955 an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Kurz vor dem Mauerbau flüchtete er 1961 in die Bundesrepublik Deutschland und studierte von 1961 bis 1963 an der Kunstakademie Düsseldorf (wo er später von 1971 bis 1994 dann selbst als Professor für Malerei tätig war). Zusammen mit Sigmar Polke und Konrad Lueg prägte er in dieser Anfangszeit den Begriff des „Kapitalistischen Realismus“, die „deutsche PopArt-Variante“. In den frühen 60er Jahren fängt Gerhard Richter an, einfache Amateurfotos und Bilder aus Zeitschriften mit teils banalen Motiven abzumalen und setzt damit neue Impulse. Er verwendet dabei nahezu ausschließlich Grautöne, was er als „Endpunkt der Malerei“ bezeichnet. Durch Richters verwischende Malweise erscheinen die Gemälde wie unscharfe oder verwackelte Fotos, fast fotorealistisch, quasi gemalte Fotografie. Hiermit erreicht er erste internationale Bekanntheit. In den folgenden Jahren erweitert Gerhard Richter sein Werk um zahlreiche Optionen mit einem ganzen Spektrum von Stilen, Motiven und Ausdrucksformen. Dabei wechselt er häufig zwischen ungegenständlichen Werken und fotografisch gegenständlichen Bildern, es entstehen einerseits Vermalungen, Farbfeldmalerei und einfarbig graue Bilder und andererseits realistisch gemalte Landschaften, Stillleben oder Portraits.

Ab den späten 70er Jahren wendet Richter sich einer farbstarken, meist großformatigen Abstraktion zu. Er setzt zunehmend eine Rakel ein, um in seinen Bildern ungeplante Muster und Elemente des Zufälligen zu erzeugen. Bei diesen abstrakten Arbeiten ist die Farbe nach den grauen Bildern wie ein Durchblick in eine andere Welt, ein Feuerwerk von Farben, die alles dominieren und den Betrachter sowohl aus der Nähe wie aus der Ferne in den Bann ziehen und ungewohnte Illusionen erzeugen.

Parallel entstehen seit 1965 Gerhard Richters Editionen in verschiedensten Techniken, häufig auch mit Unikatcharakter. Dazu gehören Drucke, übermalte Fotografien, sogar Ölgemälde und Multiples aus diversen Materialien, die für viele Sammler ein besonderes Sammlungsgebiet darstellen und sehr gesucht sind. Einen eigenständigen, umfangreichen Werkkomplex bilden seine über 1.000 übermalten, oft selbst aufgenommenen Fotos, die erstmals 2008 in einer großen Museumsschau mit ausführlichem Katalog präsentiert wurden.

Alle Facetten im Oeuvre von Gerhard Richter sind in ihrer Art und ihrer Bedeutung radikal, neu und richtungsweisend und stellen jeweils für sich eine neue Dimension in der zeitgenössischen Kunst dar. Sie bilden trotz ihrer großen Vielfalt ein logisches und beeindruckendes konzeptuelles Gesamtwerk, einzigartig in der Kunst der Gegenwart.