The Strong Cubs

Prof. Feng Lu

Ausstellungseröffnung 23. August 2020, 14 h

Dauer der Ausstellung 23.08.2020 – 31.07.2021

 

It, 2017 – Epoxidharz, Öl

Die Berliner Kunsthistorikerin Constanze Musterer schrieb zu Feng Lu: “Die große Politik und die kleinen Abmachungen, die großen Religionen und die kleinen Andachten, der große Sex an Crime und die kleinen Begierden, die große Historie und das kleine eigene Leben. Feng Lu lässt kaum ein Thema der Gesellschaft aus und nimmt das menschliche Agieren in den Zerrspiegel seiner bitterbösen Ironie. Witzig und bunt, verspielt und frivol kommt sie in der handwerklichen Perfektion seiner figürlichen Plastiken daher.”

Feng Lu, geb. 1979 in Harbin (China), begann schon als Kind in dem kargen Hinterhof seines Elternhauses humoristische Skulpturen aus Kreide zu formen. Er studierte zunächst Bildhauerei an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz und anschließend Bildhauerei und Malerei an der Universität der Künste in Berlin. Dort avancierte er zum Meisterschüler bei Prof. Wolfgang Petrick. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit wurde Feng Lu 2019 zum Professor am Sichuan Fine Arts Institut in Chongqing berufen. Dort ist Feng Lu Direktor des Deutschen Innovationszentrums für zeitgenössische Kunst. Feng Lu lebt und arbeitet in seiner Wahlheimat Berlin.

Die nackte Gewalt

Sigurd Wendland

Dauer der Ausstellung 13.12.2020 – 31.07.2021

 

 

Am Anfang des Arbeitsprozesses von Sigurd Wendland  stehen Bildideen,  aus denen er seine komplexe, narrativ dichte Kunst entwickelt. In monumentalen Gruppenbildern von geradezu barocker Dynamik und Farbigkeit inszeniert er rätselhafte Szenarien: Im heftigen ineinander Verschränken und sogar Verbeißen der Protagonisten, die mal aggressiv, mal lustvoll nach einander greifen, gelingen ihm eindrucksvolle Darstellungen der Gewalt und Zärtlichkeit,  des gnadenlosen Kampfes und der liebevollen Hingabe. Oft zeigen die Gesichter  übersteigerten Ausdruck, theatralisch wie die Masken, die beispielsweise im „Karneval“ – Bild auftauchen. Trotz der körperlichen Nähe wirken die meist entblößten Akteure merkwürdig isoliert: Der Blickkontakt untereinander fehlt, ihre Augen sind entweder geschlossen oder auf den Bildbetrachter gerichtet. Wenn sie mit Arbeitsgeräten wie beispielsweise Motorsägen auf ihre Mitmenschen zugehen oder sich auf einem leeren Einkaufswagen bzw. vor geöffnetem Kühlschrank lieben, lässt sich erahnen,  welcher Natur die hier angedeuteten zwischenmenschlichen Beziehungen sind. Wendland spielt gern mit Symbolen, stellt  ungewöhnliche Zusammenhänge her.  Provokant verknüpft er Technisches und Profanes mit Spirituellem, vor allem mit sehr frei interpretierten Elementen der christlichen Ikonographie aus dem Passionskontext. Daher lässt Wendlands Kunst, trotz seiner entschieden modernen Behandlung der Bildthemen – etwa durch den bewussten Verzicht darauf, die Bilder „altmeisterlich“ bis ins letzte Detail fertig zu malen –  eine große Vertrautheit mit und Affinität zu Bildtraditionen weit zurück liegender künstlerischer Epochen erkennen.

So könnten beispielsweise die betenden Hände in Bild „Ich, ich, ich“ und der Hase samt Rasenstück im Bild “Energie, Sprichworte“ als Anspielungen auf das Schaffen von Albrecht Dürer angesehen werden. Und wenn er „Wasser als Ware“  malt,  fließt es vom Himmel so segensreich auf die Menschen herunter, dass die –  christliche-  Interpretation als die Quelle des Lebens nahe zu liegen scheint. Eine Vorstellung, die ebenso an Christus erinnert wie die schwarz vermummte Muslima im Bildhintergrund, die mit ihren ausgestreckten Armen und Händen kreuzesgleich die ganze Bildbreite einnimmt.

All das sind aber nur Teilaspekte des Bildgeschehens. Der Künstler greift weiter aus: Es geht ihm auch um das Bloßstellen wirtschaftlicher Machtstrukturen und Vorgänge in der modernen Gesellschaft, die undurchsichtig aber brutal in das Leben jedes einzelnen hineinspielen. So thematisiert  er beispielsweise das Problem der Privatisierung von  Wasser und Strom. Im Gemälde „Wasser als Ware“  laben sich dürre und durstige Menschen. Ihre Gier nach dem Leben spendendem Element und das Glück, es zu spüren, finden ihre visuellen Entsprechungen in den beiden sich liebende Paaren am linken und rechten oberen  Bildrand. Doch die sich  hingebenden, mit ihren Armen liebevoll umfangenden Gestalten wirken alle mit ihren geschlossenen Augen und zurück gebogenen  Köpfen  allzu unvorsichtig und arglos, wie die potenziellen Opfer jener, die über das Lebensnotwendige gebieten. Bemerken sie nicht, wie bedrohlich der Wasserschlauch sie immer enger zusammenbindet und zusammenschnürt? Nur die zwei den Betrachter anblickende Frauen scheinen zu wissen oder zu erahnen, was hier tatsächlich vor sich geht: Die eine flehend aus einer seltsamen Tiefe zu uns aufschauende gänzlich Unbekleidete unten im Bild, die andere sich hinter Tschador  verbergend. Unheimlich wirkt sie mit ihren ausgreifenden Armen, diffus den Gekreuzigten ähnlich, aber auch wie ein schwarzer, Unheil verkündender Riesenvogel. Was wird sich hier bald ereignen?

Noch weitaus prekärer erscheint die Lage der Akteure im Bild „Energie, Sprichworte“.  Hier findet ein böses, lebensgefährliches Spiel zwischen Starkstromleitungen statt: Dem hilflosen, kleinkind-großen  Hasen wird der Fell über die Ohren gezogen. Von wem? Der nackte, sein Gesicht hinter dem Hasenkadaver verbergende Mann ist womöglich nur der Vollstrecker der Aggression.  Sie könnte von der Frau initiiert sein, die einen Schleiertanz vollführt und dabei die Gräueltat verdeckt. Will sie sich dadurch ihrer Verantwortung entziehen? Unten im Bild sind zwei junge Männer in einem noch unentschiedenen Kampf verwickelt, bei dem ein Kurzschluss durch das Zusammentreffen zweier Starkstromleitungen anscheinend entweder verhindert oder herbeigeführt werden soll. Auf dieser Bühne ist jeder unmittelbar durch eine falsche Bewegung, durch einen tödlichen Stromschlag bedroht. Sie scheinen es nicht zu wissen, nicht wissen zu wollen, warum sonst hielten sie ihre Augen so fest verschlossen?

Wendland zeigt die Welt als eine Bühne, auf der leichtsinnige, vom wilden Lebenshunger getriebene Schauspieler agieren. Sie stürzen und Fallen, konsumieren sich gegenseitig und werden doch nicht satt, sie haben sich maskiert und sind doch schutzlos und nackt, bewaffnet und doch ausgeliefert: Ihrer Gier, ihrer Wut, ihrer Einsamkeit und ihrer verzweifelte Suche nach Nähe und Liebe. Er malt keine fertige Welt, lässt hier und da Skizzenhaftes stehen. Er scheint so den Betrachter dazu aufzufordern, sich aktiv an dem angefangenen Gedanken, dem dynamischen Prozess der Bildwerdung zu beteiligen. Und gleichzeitig uns daran zu erinnern, wie ungewiss, offen und prekär zwischenmenschliche Beziehungen heute sind.

(Text: Nina Sitz)

MEMORY OF THE FUTURE

Ali Eckert – Johanna Flammer – Lilli Elsner – Björn Vogel – Sultan Adler – Sigurd Wendland – Sebastian Herzau – Charlotte Eschenlohr – Martin Furtwängler – Stefan Kaluza

Dauer der Ausstellung 01.01. – 30.06.2021